Freitag, 6. Januar 2012

Was mir ein älterer Herr vor ein paar Monaten im Zug erzählte

"Es war Ende der 60er Jahre. Damals war ich jung; heute bin ich alt. Ich studierte in Heidelberg und hatte mich mit einem jungen Inder angefreundet, dem Sohn eines echten Maharadschas. Wir gehörten zu einem ganzen Kreis von jungen, wohlhabenden Studenten, die aus der sogenannten 3. Welt stammten. Ich war der einzige Deutsche unter ihnen und auch der einzige, der aus einfachen Verhältnissen stammte. Wie das alles gekommen war, wie wir uns angefreundet hatten, wie ich mit den anderen finanziell mithalten konnte - all das weiß ich nicht mehr. Ich nehme an, dass ich von ihnen eingeladen wurde, wenn wir essen gingen oder an den Wochenenden Ausflüge unternahmen. Egal. Ich war jedenfalls mitten dabei und fühlte mich sehr wohl.

Rajan, so hieß der Sohn des Maharadschas, war noch sehr jung, gerade erst 18 oder 19. Sein Vater hatte ihm eine Villa auf der Neckarseite gegenüber dem Schloss gemietet, das man auch aus den Fenstern des oberen Stockwerks sehen konnte. Wer Heidelberg nicht kennt: Schöner und teurer kann man in dieser Stadt nicht wohnen.

Rajan war mädchenhaft zart mit großen braunen Augen, schwarzem, immer genau gescheiteltem Haar, schneeweißen Zähnen. Er hatte lange, schmale Hände. Eigentlich war er noch gar kein junger Mann, sondern immer noch ein Kind, ein empfindsames und dabei hochintelligentes Kind. Seine Stimme war kaum tiefer als die einer älteren Frau; manchmal, wenn er aufgeregt und lachend von etwas berichtete, kiekste sie. Trotz seiner Zartheit schlug in ihm das Herz eines Abenteurers: Er besaß ein kleines Propellerflugzeug, mit dem er uns manchmal an den Wochenenden Kunststücke verführte, ziemlich gefährliche Kunststücke. Wir fuhren alle gemeinsam hinaus zu dem kleinen Flughafen in der Rheinebene, und er schlug vor unseren Augen mit seinem Flugzeug Purzelbäume in der Luft oder stellte den Motor aus, um ihn kurz vor dem Aufschlagen wieder anzustellen.

Noch bemerkenswerter an Rajan fand ich, dass er bereits verheiratet war. Seine Frau, ebenso zart und schön wie er, ebenso braunäugig und schwarzhaarig, stammte aus derselben weitverzweigten indischen Adelsfamilie, war aber trotzdem nur entfernt blutsverwandt mit ihm. Die beiden waren gleichalt und kannten sich bereits seit der Kindheit. Sie studierte ebenfalls, ich glaube Kunstgeschichte. Ihr Name war Surya, was, so weit ich weiß, "Sonne" heißt.

Eines Abends lagen wir alle, der ganze Freundeskreis, zu zehnt oder fünfzehnt auf dem Teppichboden im Wohnzimmer der Villa und hörten Musik. Dies waren die 60er Jahre, also lagen wir alle sehr eng aneinander, ohne Rücksicht auf die verschiedenen Beziehungen und Bindungen, die zwischen einzelnen bestanden.
 
Ich schmiegte mich von hinten an Surya, die sich wiederum an jemand anderen schmiegte, nicht ihren Mann allerdings. Rajan lag irgendwo ganz woanders. Von hinten umarmte mich ein Musikstudent, der später ein bekannter Opernregisseur wurde. Auf uns allen lagen Decken, die wir im ganzen Haus zusammengesucht hatten und von denen manche nach Mottenpulver rochen. Vielleicht war es draußen schon dunkel, ich weiß es nicht mehr. An das Mottenpulver kann ich mich jedenfalls noch gut erinnern; auch wenn ich heute noch Mottenpulver rieche, fühle ich einen Stich im Magen.
Die Musik war indisch, glaube ich. Sirtar.

Irgendwann bemerkte ich, dass es Surya angenehm war, so dicht an mir zu liegen. Man spürt so etwas ja. Also fing ich an, ihren Körper, ganz vorsichtig zunächst, mit einer Hand unter der Decke zu erkunden: Erst ihren Nacken, dann ihre Schultern und so weiter. Ich wurde immer mutiger und schob eine Hand unter ihre Hose und auf ihren nackten Hintern. Sie kniff die Pobacken zusammen, so heftig und abwehrend, dass ich meine Hand sofort zurückzog. Ich drehte mich auf den Rücken.

Einige Tage später saß ich alleine mit Rajan im Wohnzimmer. Draußen war es hell, Mittag oder Nachmittag. Wir unterhielten uns. Plötzlich brach Rajan in Tränen aus. Surya habe ihm gestanden, dass sie mich liebe und dass sie mit mir schlafen wolle. Er wisse nicht, was er tun solle.

Ich erschrak zu Tode. Draußen, vor den großen Fenstern der Villa sah man eine Straße, die abwärts zum Neckar führte. Links und rechts standen weitere Villen, von denen eine einen Kindergarten beherbergte. Dort kam gerade eine Gruppe von kleinen Kindern heraus auf die Straße, angeführt von der Kindergärtnerin. Der Himmel war bewölkt, aber es war Sommer, es war warm draußen. Ich wusste plötzlich, dass all das jetzt für mich zu Ende war: die Freundschaft mit Rajan, die wunderbaren Wochenenden, die wir zusammen verbracht hatten, die verrückten Flugkunststücke, der Blick hier aus der Villa heraus, auch dieser Tag, diese Kinder, die gerade aus dem Kindergarten herauskamen - ich würde alles verlieren, alles würde vergehen, am Ende würde nichts bleiben.

Mir kamen meinerseits die Tränen. Ich kniete tatsächlich vor Rajan nieder und flehte ihn an, mich nicht zu verlassen, mir nicht die Freundschaft aufzukündigen. Ich schwor ihm, dass er sich auf mich verlassen könne, dass ich mit Surya niemals etwas anfangen, ihr von nun an aus dem Weg gehen würde. Ich könne auf seine Freundschaft nicht verzichten.

Doch schon ein paar Tage später zogen er und Surya weg, in irgendeine Universitätsstadt in England oder in den USA. Unser Freundeskreis, dessen Zentrum Rajan gewesen war, brach auseinander. Ein Semester später zog ich ebenfalls weg, nach München, und studierte dort zu Ende."