Freitag, 20. Januar 2012

Taliban

Wenn ich den dreien heute begegnen würde, würde ich höflich grüßen und ansonsten sehen, dass ich Land gewinne; vor 15 Jahren aber bewunderte ich die Paschtunen, zu denen diese Männer gehörten. Ihre stolze Unabhängigkeit beeindruckte mich. Weder die britische, noch die sowjetische Armee hatte sie unterwerfen können, ebensowenig wie die der Amerikaner einige Jahre später. 
Solange es mein Visum zuließ, lebte ich in einem paschtunischen Dorf im westlichen Pakistan, nicht weit von der afghanischen Grenze. Ich kaufte einem alten Mann einen Turban ab und ließ mir das Schießen beibringen. Nachts schlief ich in der Koranschule, einem einfachen Gebäude aus Lehm, in dessen Wände Kerzennischen eingelassen waren. Jeden Morgen wurde ich - wie alle im Dorf - vom Muezzin geweckt: Allahu akbar, Gott ist größer. Wenig später kam ein Koranschüler, der mir, geschickt vom Imam, Brot, Tee und einen Eimer eisig kalten Wassers brachte. Die Lieder der Koranschüler, die sie vormittags im Chor zu singen hatten, sind mit das Schönste, was ich je gehört habe. Nachts, wenn ich vom Besuch in einem der Häuser durch das dunkle Dorf zur Koranschule zurücklief, stand ein riesiger Sternenhimmel über den Lehmmauern. Die Gerüche in den engen Gassen waren dann intensiver als tagsüber - betörender, denn ich fühlte mich glücklich wie nie. 

Heute ist mir der Erinnerung peinlich - an meine naive Begeisterung für alles Fremde. Es stimmt schon: Nach einer Weile begreift man, dass die Menschen überall im Wesentlichen gleich sind. Man begegnet am Ende immer sich selber. Solange man das nicht weiß, solange man in dem kindlichen Glauben lebt, das Wunderbare, das Unerhörte liege um die nächste Wegbiegung, solange bewegt man sich in einem poetischen Universum, in der Eichendorffschen Welt des "Taugenichts".

Irgendwann legt man das ab - muss man es ablegen. Man tut es aber nicht ohne Wehmut.