Die Fußgängerampel schaltete auf grün, also rannte ich los. Ich konnte drüben, auf der anderen Seite der Schnellstraße, das Geschäft sehen, das in einer, in zwei Minuten schließen würde. Wenn ich es dort nicht rechtzeitig durch die Tür schaffte, würde ich den Laptop nicht fristgerecht zurückgeben können -- möglicherweise ein Verlust von 600 Euro.
600 Euro: da vergisst man schon mal, nach links zu schauen. Ich tat es trotzdem und konnte mich eben noch bremsen, als ein Lieferwagen mit 80 oder 100 Stundenkilometern trotz roter Ampel über die Kreuzung raste.
Der Blick nach links rettete mein Leben. Was aber bewog mich, den Kopf zu wenden?
Ernst Jünger hätte vermutet, dass da höhere Kräfte im Spiel waren, schicksalhafte Kräfte. Ich besuchte ihn ein halbes Jahr vor seinem Tod. So sehr ich ihn bewunderte, so sehr ärgerte ich mich auch über ihn; ich wünschte ihn mir anders, als er war. Da die Liebe in seinen Büchern keine Rolle spielt, eine Tatsache, die zum Himmel schrie, schrieb ich ein paar Zeilen über die Liebe und ihre Bedeutung für mich auf ein Blatt Papier. Das gab ich seiner Frau, als sie mir die Tür öffnete.
Das Gespräch mit Jünger kam über Höflichkeiten nicht hinaus. Dennoch war es ein Erlebnis für mich. Die deutsche Literatur seit dem 2. Weltkrieg sagte mir nichts; Ernst Jünger aber war der letzte Zeuge jener großen Kunstepoche, die um die Jahrhundertwende begonnen und bis in die späten 40er Jahre hinein angehalten hatte.
Ihm die Hand zu schütteln, hieß zugleich auch Hesse, Kafka, Mann, Freud, Rilke, Döblin die Hand zu schütteln.