"Es war Ende der 60er Jahre. Damals war ich jung; heute bin ich alt. Ich studierte in Heidelberg und hatte mich mit einem jungen Inder angefreundet, dem Sohn eines echten Maharadschas. Wir gehörten zu einem ganzen Kreis von jungen, wohlhabenden Studenten, die aus der sogenannten 3. Welt stammten. Ich war der einzige Deutsche unter ihnen und auch der einzige, der aus einfachen Verhältnissen stammte. Wie das alles gekommen war, wie wir uns angefreundet hatten, wie ich mit den anderen finanziell mithalten konnte - all das weiß ich nicht mehr. Ich nehme an, dass ich von ihnen eingeladen wurde, wenn wir essen gingen oder an den Wochenenden Ausflüge unternahmen. Egal. Ich war jedenfalls mitten dabei und fühlte mich sehr wohl.
Rajan, so hieß der Sohn des Maharadschas, war noch sehr jung, gerade erst 18 oder 19. Sein Vater hatte ihm eine Villa auf der Neckarseite gegenüber dem Schloss gemietet, das man auch aus den Fenstern des oberen Stockwerks sehen konnte. Wer Heidelberg nicht kennt: Schöner und teurer kann man in dieser Stadt nicht wohnen.
Rajan war mädchenhaft zart mit großen braunen Augen, schwarzem, immer genau gescheiteltem Haar, schneeweißen Zähnen. Er hatte lange, schmale Hände. Eigentlich war er noch gar kein junger Mann, sondern immer noch ein Kind, ein empfindsames und dabei hochintelligentes Kind. Seine Stimme war kaum tiefer als die einer älteren Frau; manchmal, wenn er aufgeregt und lachend von etwas berichtete, kiekste sie. Trotz seiner Zartheit schlug in ihm das Herz eines Abenteurers: Er besaß ein kleines Propellerflugzeug, mit dem er uns manchmal an den Wochenenden Kunststücke verführte, ziemlich gefährliche Kunststücke. Wir fuhren alle gemeinsam hinaus zu dem kleinen Flughafen in der Rheinebene, und er schlug vor unseren Augen mit seinem Flugzeug Purzelbäume in der Luft oder stellte den Motor aus, um ihn kurz vor dem Aufschlagen wieder anzustellen.
Noch bemerkenswerter an Rajan fand ich, dass er bereits verheiratet war. Seine Frau, ebenso zart und schön wie er, ebenso braunäugig und schwarzhaarig, stammte aus derselben weitverzweigten indischen Adelsfamilie, war aber trotzdem nur entfernt blutsverwandt mit ihm. Die beiden waren gleichalt und kannten sich bereits seit der Kindheit. Sie studierte ebenfalls, ich glaube Kunstgeschichte. Ihr Name war Surya, was, so weit ich weiß, "Sonne" heißt.
Eines Abends lagen wir alle, der ganze Freundeskreis, zu zehnt oder fünfzehnt auf dem Teppichboden im Wohnzimmer der Villa und hörten Musik. Dies waren die 60er Jahre, also lagen wir alle sehr eng aneinander, ohne Rücksicht auf die verschiedenen Beziehungen und Bindungen, die zwischen einzelnen bestanden.